PhotoWeekly 24.06.2026 | Page 25

SPECIAL INTERVIEW 25

Was kam zuerst – Fotografie oder Klettern? Zu beidem kam ich als Teenager, aber die Fotografie war zuerst da. Mit 15 hat mich

Jean-Philippe Dumas. Southern Ocean Wall, West Cape Howe, Australien. das Thema richtig gepackt. Besonders fasziniert war ich von der Schwarzweißfotografie – vom Entwickeln der Filme bis zum Vergrößern im Labor. Während ich in der Schule Fotografieunterricht hatte, richtete ich mir im Waschraum zu Hause eine Dunkelkammer ein. Für die letzten beiden Schuljahre wechselte ich auf ein College in Canberra, das einen sehr guten Fotokurs anbot, und habe das intensiv weiterverfolgt. Mit 17 entdeckte ich dann auch das Felsklettern für mich. Beides hat mich gleichermaßen beschäftigt – Fotografie und Klettern waren die zwei Konstanten in meinem Leben und sind es bis heute geblieben.

Inwiefern hat Ihre eigene Klettererfahrung Ihre fotografische Arbeit geprägt?

Enorm. Ich bin sehr dankbar, dass ich viele Jahre intensiv geklettert bin, bevor ich Profi-Fotografie wurde. Da sind zunächst die offensichtlichen, praktischen Aspekte: die technischen Fähigkeiten, die Seil- und Rigging-Kenntnisse, das sichere Positionieren in der Wand und die Zusammenarbeit mit Kletterern. Man muss ihre Perspektive verstehen. Wer bestimmte Manöver oder Wiederholungen einfordert, sollte genau wissen, was er den Athleten zumutet.

Darüber hinaus spielt auch die kreative und in-

Viele starke Bildideen entstehen direkt in der Wand.

haltliche Ebene eine große Rolle. Als Kletterer ist mir wichtig, wie dieser Sport dargestellt wird. Zu der Zeit, als ich mit der Kletterfotografie begann, stand das Klettern stark in der Kritik – es galt als gefährlich, in den Medien war meist nur im Zusammenhang mit Unfällen davon die Rede. Ich wollte die positiven Aspekte zeigen und ein differenzierteres Bild vermitteln.

Viele starke Bildideen entstehen direkt in der Wand. Oft erkennt man erst vor Ort die spannendsten Perspektiven oder entwickelt ein Konzept für eine Aufnahme. Wenn ich in ein neues Gebiet kam, bin ich meist zunächst ein paar Tage selbst geklettert, um Fels, Linienführung, Licht und Zustiege kennenzulernen. Dieses Verständnis ist entscheidend, um realistisch einzuschätzen, welche Bildideen umsetzbar sind.

Vermutlich hat es auch geholfen, Zugang zur Kletterszene zu

Lee Cossey. Taipan Wall, Victoria, Australien. bekommen, wenn man selbst Teil davon ist … Absolut. Als ich angefangen habe, habe ich meine eigenen Seilpartner fotografiert – und das waren zufällig die besten Kletterer des Landes. Wenn man Tür an Tür im Zeltlager wohnt, fühlt sich das nicht wie ein professionelles Shooting an, sondern wie Freunde, die gemeinsam etwas Starkes erleben. Dreißig Jahre später schlagen sie das Buch auf und sagen: „ Wow, das war wirklich eine coole Zeit.“

Ihre Bilder zeigen Landschaft und Sport gleichermaßen. War es eine bewusste Entscheidung, beides zu verbinden – und wie gelingt diese Balance?

Ja, absolut. Die Verbindung von Landschaft und Aktion stand für mich immer im Zentrum. Reine Action-Aufnahmen können beeindruckend sein, aber sie greifen beim Klettern oft zu kurz. Natürlich muss nicht jedes Bild maximale Dynamik zeigen. Zwischen klassischer Landschaftsaufnahme und reiner Action liegt ein breites Spektrum – je nachdem, wie präsent die Person im Bild ist und welche visuelle Gewichtung sie bekommt. Genau darin sehe ich die eigentliche Herausforderung. Für mich ist das ideale Bild eines, das beides gleichermaßen trägt: Die Aufnahme funktioniert als eigenständiges Landschaftsfoto – und zugleich ist authentische, klar erkennbare Kletteraktion integriert. Wenn beides überzeugend zusammenkommt, entsteht für mich das perfekte Motiv.