PhotoWeekly 24.06.2026 | Page 28

SPECIAL INTERVIEW 28

Mit welchem Equipment arbeiten Sie bevorzugt – und wie hat es sich über die Jahre verändert? Die Entwicklung der Foto-

Chris Sharma am Montrebei, Spanien. Klemen Becan sichert.

grafie in den letzten 30 Jahren war enorm – heute ist es ein völlig anderes Arbeiten. In den Anfangsjahren hatte man beim Klettern einen Film mit 36 Aufnahmen in der Kamera. Ich habe meist auf Fuji Velvia fotografiert, nominal ISO 50, allerdings auf ISO 36 belichtet. Das war ein extrem langsamer Film. Entsprechend war man zwingend auf gutes Licht angewiesen. Dieser Umstand hat meinen Stil stark geprägt, denn ohne direktes Licht auf dem Kletterer waren Actionaufnahmen kaum realisierbar. Heute lässt sich der ISO-Wert problemlos auf 800 oder höher einstellen, sodass auch im Schatten oder bei wenig Licht Actionbilder möglich sind – damals undenkbar. Aktuell arbeite ich mit der Nikon Z 9, die Serien mit bis zu 20 Bildern pro Sekunde ermöglicht. Es ist meine erste echte High-End-Nikon. Früher habe ich meist etwas kleinere und leichtere Gehäuse bevorzugt. Doch der Autofokus der Z 9 ist außergewöhnlich leistungsfähig – vermutlich ist es das erste Mal in meiner Laufbahn, dass der Autofokus realistische Chancen hat, einen Kletterer zuverlässig zu verfolgen.

Wie haben Sie zu Analogzeiten in der Wand korrekt belichtet?

Dazu gibt es eine amüsante Anekdote. Eines Tages holte ich Filme aus dem Labor ab, und der Laborleiter wollte mich sprechen. Er fragte: „ Wie machen Sie das?“ Er wollte wissen, wie es möglich sei, einen kompletten Film zu belichten, bei dem jede einzelne Aufnahme perfekt sitzt. Gerade bei Diafilm war exakte Belichtung alles andere als einfach – besonders bei wechselnden Lichtverhältnissen. Ich habe mir damals eine Methode auf Basis des Zonensystems erarbeitet. In der Kamera nutzte ich die Spotmessung und maß gezielt einzelne Bereiche im Motiv. Mit der Zeit entwickelte ich ein sehr gutes Gefühl für die Tonwerte im Fels. Wenn ich etwa eine leuchtend orangefarbene Partie sah, wusste ich: Das braucht ungefähr zwei Drittel

Der Autofokus der Nikon Z 9 ist außergewöhnlich leistungsfähig.

Blendenstufen mehr Licht. Also habe ich die Spotmessung entsprechend korrigiert, die Werte eingestellt und verschiedene Bildbereiche kontrolliert, um sicherzugehen, dass die Belichtung auch dort stimmig war, wo ich bewusst Abdunklungen wollte. Diese Präzision im Umgang mit Diafilm war sicherlich eine meiner unterschätzten Fähigkeiten – und darauf bin ich bis heute besonders stolz.

Dieses Buch wird sicher viele inspirieren. Welchen Rat geben Sie jemandem, der in die Kletterfotografie einsteigen möchte?

An erster Stelle

steht die Sicherheit. Das sollte bei der Arbeit in Felswänden selbstverständlich sein. Genau deshalb würde ich empfehlen, zunächst einige Jahre ausschließlich zu klettern und umfassende Erfahrung zu sammeln, bevor man die Fotografie integriert. Sobald Kamera und Equipment dazukommen, steigt die Ablenkung erheblich. Seilaufbau und Rigging müssen routiniert und absolut sicher beherrscht werden.

Solide Kletterkompetenz ist essenziell, um viele dieser Aufnahmen überhaupt realisieren zu können. Einige Bilder entstehen vom Boden aus, doch wer sich sicher und effizient in exponiertem Gelände bewegen will, braucht entsprechende Fähigkeiten. Technologisch hat sich enorm viel getan – Drohnen, Blitztechnik, neue Kamerasysteme. Die Entwicklung ist spannend. Für mich stand jedoch nie im Vordergrund, stets dem neuesten Trend zu folgen. Als Fotograf kann man sich leicht von technischen Möglichkeiten treiben lassen. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: eine klare Vision.

Diese Erkenntnis hatte ich bereits in der Dunkelkammer. Mir war klar, dass ich nicht um jeden Preis Fotograf sein wollte. Es ging nie nur darum, sagen zu können: „ Ich bin Fotograf und verdiene damit meinen Lebensunterhalt.“ Wenn ich heute manche Auftritte in sozialen Medien sehe, stelle ich mir oft die Frage: Geht es hier um Ausdruck – oder nur um Anerkennung? Wo ist die eigene Haltung, die eigene Bildidee? Wenn ich fotografiere, dann aus Überzeugung und Inspiration. Es musste für mich immer eine inhaltliche Bedeutung haben. Fotografie war nie Selbstzweck oder bloß ein Beruf – sondern eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Art, die Welt zu zeigen.

QUICK FACTS

Simon Carter: Klettern an den besten Felsen der Welt

256 Seiten 220 x 270 mm fester Einband Mit 229 farbigen Fotos

DK Verlag