PhotoWeekly 28.10.2026 | Page 21

SPECIAL INTERVIEW 21

Was hat Ihnen das Studium gebracht? In meinem Studium ging es vor allem darum, eine fotografische Handschrift zu entwickeln. Gleich zu Beginn wurde uns gesagt, wir sollten Fotografie essen,

Self Esteem( Rebecca Lucy Taylor): Die englische Musikerin, Songwriterin und Schauspielerin, fotografiert in London.

schlafen und atmen. Die Dozenten wollten, dass wir in das Thema eintauchen und echte Leidenschaft dafür entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich bereits die amerikanische Fotografie, wusste um die Geschichte der Fotografie und hatte ein Gespür dafür, wie sie sich weiterentwickelt. Ich wusste, was mir gefiel, und hatte viele Ideen. Mich interessierte eher die künstlerische Fotografie als die kommerzielle Seite, aber ich hatte Fotografen wie David Bailey und Ralph Gibson kennengelernt und brachte Begeisterung mit.

Im Studium ging es weniger um technische Angaben wie „ Das habe ich mit Blende f / 22 fotografiert“, sondern mehr darum, wie ein Bild wirkt und welches Gefühl es vermittelt. Die Technik wird wichtig, wenn man etwas bewusst auf eine bestimmte Weise umsetzen möchte. Bei meinen Fotos von Johnny Cash zum Beispiel sind seine Augen messerscharf, die Nase ist schon fast unscharf und die Ohren liegen deutlich außerhalb der Schärfe. Genau das verstärkt jedoch die Intensität und die Ausstrahlung dieser Persönlichkeit, statt dass alles klinisch sauber und gleichmäßig wirkt. Moderne Digitalkameras sind großartig, aber viele fotografieren im Programmmodus, statt manuell zu arbeiten und die Kontrolle zu übernehmen. Ich bin mit Diafilm aufgewachsen – da musste die Belichtung genau stimmen, schon ein Drittel Blende konnte entscheiden, ob ein Bild zu

dunkel oder zu hell war. Digital hat man heute einen größeren Spielraum.

Wenn Sie zum ersten

Meine Aufgabe ist es, den Künstlern eine visuelle Identität zu geben.

Mal mit einer Band oder einem Künstler arbeiten – wie entwickeln Sie eine Vision für die Bilder?

Ich höre mir zunächst die Musik an, um ein Gefühl dafür zu bekommen, in welchem Genre sie sich bewegt – auch wenn ich selbst einen anderen Musikgeschmack habe. Meine Aufgabe ist es, den Künstlern eine visuelle Identität zu geben. Für die Band Dario G habe ich in Thailand ein Albumcover fotografiert. Sie standen auf einer sandigen Erhebung mitten im Wasser, das Album hieß „ Sunmachine“. Ich kaufte eine Reihe Spiegel, steckte sie in den Sand und fotografierte die Band von einem Boot aus mit einer Panoramakamera. Durch die Bewegung des Boots blitzte die Sonne in den Spiegeln auf – im Grunde war es also tatsächlich ein Foto einer „ Sonnenmaschine“. Der Band gefiel das Bild sehr, weil ich ihnen damit eine Idee verkauft und zugleich eine visuelle Identität geschaffen habe. Auch das Coverfoto von Robbie Williams’ Album „ Life Thru A Lens“ wurde zu seinem visuellen Markenzeichen zu Beginn seiner Solokarriere – mit der Idee, dass er von Paparazzi umringt wird.

Cover: „ Sunmachine“ von Dario G

Cover: „ Life Thru A Lens“ von Robbie Williams

Arbeiten Sie lieber eins zu eins mit einem Künstler, ohne großes Umfeld?

Oft steckt hinter einem Shooting eine große Produktion, und viele Menschen sind beteiligt. Aber ich gehe dann in eine Art Tunnel. Ich bin darin versunken und suche nur dieses eine Bild – nicht das davor und nicht das danach, sondern das eine, in dem alles zusammenkommt. Selbst wenn viele Leute um mich herum sind, stelle ich immer wieder fest: Je größer und bekannter die Künstler sind, desto einfacher ist die Zusammenarbeit. Sie kennen meine Arbeit und mögen die Art, wie ich fotografiere. Umgekehrt kenne ich ihre Musik und habe bereits Ideen. Natürlich gibt es immer jemanden, der sagt: „ Können wir das so machen?“ Dann setze ich das erst um und schlage anschließend vor: „ Lassen Sie uns auch das hier versuchen.“ Ich verändere eine Kleinigkeit – und dann komme ich in meinen Arbeitsmodus.

Viele meiner Lieblingsbilder zeigen Menschen, die nicht direkt in die Kamera blicken. Das Porträt von Mark Ronson, in dem er zur Seite schaut, gefällt mir sehr. Auch der Mann auf dem Pink-Floyd-Foto schaut weg, und auf einem meiner Fotos von Johnny Cash ist es genauso. Für mich ging es immer um das Bild. Was mich wirklich begeistert, ist der Moment, in dem alle Elemente im Bild zusammenfinden – nicht, wer gerade vor meiner Kamera steht.